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Abschiedsrede für Sohrab Shahid Saless

gehalten in der Akademie der Künste am 26. Juli 1998 von Hans Helmut Prinzler

Saless

Abschied von Sohrab Shahid Saless. Geboren 1944 in Teheran. Gestorben 1998 in Chicago. Mitglied unserer Akademie der Künste seit 1984. Müssen wir nicht eingestehen, daß wir uns eigentlich schon vor längerer Zeit von ihm verabschiedet haben? Zum Beispiel 1992, nach seinem letzten Film, Rosen für Afrika, den wir heute als Erinnerungsstück zeigen. Oder 1994, als er in Frankfurt den Großen Preis der Stiftung des Verlags der Autoren für sein "Gesamtwerk" entgegennahm. Wie für etwas Abgeschlossenes, Beendetes.

Es wanderten noch ein oder zwei seiner Drehbücher durch Gremien und Redaktionen, begleitet vom Nachhall eines Künstlers, der aus der Zeit gefallen war. Nicht zu finanzieren, nicht zu vermarkten, nicht zu senden. Gescheitert an den Medienformeln der neunziger Jahre.

"Die Wirklichkeit im heutigen Leben der Bundesrepublik wird leider immer mehr verschwiegen." schrieb Saless 1983 in einem Text mit dem Titel "Kultur als harte Währung". Und weiter: "Die Ausrede ist, es bringe kein Geld. Es sei nicht wirtschaftlich. ­ Kultur ist Kultur und Wirtschaft ist Wirtschaft! Wußten Sie das nicht? Es passiert auch häufig, daß man hier zu alter Literatur greift oder tote Genies aus dem Grab holt, um sie zu rekonstruieren. So viele junge Menschen, die ohne Arbeitsstelle herumlaufen und zu Drogen und Alkohol greifen. So viele geschiedene Frauen, die mit ihren Kindern allein leben. Kinder, die statt eines Vaters manchmal fünf Onkel, einen nach dem anderen, erleben. Sind das keine Themen? In einem demokratischen System wie in der Bundesrepublik denke ich, daß auch Kritik erlaubt sein müßte. Daß man auch düstere Geschichten, die auf Tatsachen basieren, erzählen dürfte."

"Das Publikum", schrieb Saless 1983, "ist immer aufnahmebereit. Es ist daran interessiert, von der Gesellschaft, in der es lebt, einiges zu erfahren." Hat Sohrab Shahid Saless dieses Publikum überschätzt? Von 1974 bis 1994, zwanzig Jahre lang, lebte der aus dem Iran stammende Regisseur in der Bundesrepublik, vor allem in Frankfurt und Berlin, unterbrochen von Aufenthalten in der Tschechoslowakei. In diesen zwanzig Jahren entstanden vier Kinofilme, sieben Fernsehfilme, zwei Dokumentarfilme.

In der Fremde, Reifezeit, Tagebuch eines Liebenden, Die langen Ferien der Lotte H. Eisner, Ordnung, Grabbes letzter Sommer, Ein Leben − es handelte sich um das Leben seines Lieblingsautors Anton Tschechow − Empfänger unbekannt, Utopia, Hans − ein Junge aus Deutschland − eine unglücklich verlaufene Produktion, Saless zog seinen Namen vor der Sendung zurück − Der Weidenbaum, Wechselbalg, Rosen für Afrika.

Keiner dieser Filme war ein ganz großer Publikumserfolg. Jeder dieser Filme trug die unverwechselbare Handschrift seines Regisseurs. Wie bei Herbert Achternbusch, bei Helma Sanders-Brahms, bei Werner Schroeter.

Mit einer Genauigkeit, die man besessen nennen kann, entwarf Saless Porträts von leidenden Menschen. Einsamkeit, Gewalt, Unterdrückung, Liebessehnsucht sind in seinen Filmen die psychologischen Grundlagen. Für die Darstellung sozialer Realität benutzte er nicht das dokumentarische Abbild, sondern die kunstvolle Stilisierung: durch die Inszenierung des Unscheinbaren, die Gestaltung des Alltäglichen. In Bildern, Geräuschen, sparsamen Dialogen, in einer oft alptraumhaften Beschwörung von Raum und Zeit.

Es waren meist lange Filme, die Saless seinen Zuschauern zumutete. Oder besser: anvertraute. Denn er wollte ja nicht gegen die Zuschauer filmen, sondern für sie. "Das Publikum ist daran interessiert, von der Gesellschaft, in der es lebt, einiges zu erfahren."

"Düster" wurden seine Filme genannt, nannte er sie auch selbst. Als "schwierig" galt ihr Regisseur. Zu schwierig, zu düster für die deutsche Realität der neunziger Jahre? Ein seltsamer Widerspruch.

So ging Sohrab Shahid Saless zum zweiten Mal in die Emigration. 1974 war er aus dem Iran nach Deutschland gekommen. 1994 emigrierte aus Deutschland nach Amerika. Nicht nach Kalifornien, sondern ins Nirgendwo der Großstädte: Chicago, Washington.

Ein langer, wortloser Abschied. Wir sollten nicht nur heute an diesen großen Künstler und seine Filme denken.

Hans Helmut Prinzler

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